Annette

 Was war jetzt zu tun? Der Internist verordnete Carbimazol, ein Medikament, mit dessen Hilfe die Hormonausschüttung der Schilddrüse in Bahnen gelenkt werden soll.
Meine Schilddrüse aber liess sich nicht lenken, statt dessen wuchs sie heran, langsam und unaufhaltsam. Mein Hals wurde asymmetrisch dick, sah aus wie ein Schlangenkörper, der grad am Kaninchen würgt. Mein Gesicht war aufgedunsen, meine Augen dick bis an die Wangenknochen . Morgens früh hatte ich Mühe, sie aufzubekommen und nur noch Sehschlitze. Dazu kam ein ständiger Hunger. Wenn keine der Mahlzeiten dran war, futterte ich Kekse, Schokolade, Obst und Bonbons. Selbst die Mahlzeiten wuchsen zu ungeahnten Mengen, ein Frühstück war nicht unter vier Brötchen  zu machen, dazu Wurst, Käse, Ei. „Essen sie viel, damit sie nicht noch mehr abnehmen“, hatte der Internist gesagt. Der beschleunigte Stoffwechsel liess mir sowieso keine andere Wahl.

Ausserdem kam ich mir so fürchterlich ungeliebt vor. Wer kann denn schon ein ständig futterndes, missgelauntes Monster lieben? Elefantenbeine, nicht gehen können, meinen Lebensabend in Birkenstocks verbringen? Kein anderer Schuh passte mehr. Ein paar Chatfreunde halfen mir weiter, sie sahen ja meine Beine nicht. Und mein Mann? Er hatte so sehr viel zu tun und bekam ständig die gesamte Ladung ab, wenn ich wegen einer Kleinigkeit wieder ausrastete.

Ich war in meiner eigenen kleinen Welt gefangen, niemand schien da, der mich versteht, alle gingen anderen Denkweisen und Verhaltensmustern nach, ja selbst die Familie schien nicht mehr zu interessieren, wie es mir wirklich geht, wie ich mich fühle, ob ich überhaupt da bin. Dann macht es auch nichts aus, wenn ich mich verkrieche! Zuerst nur stundenweise, später jedoch ständig, nur zu den Mahlzeiten ging ich noch nach unten, den Rest der Zeit verbrachte ich in meinem Zimmer am PC oder mit Stricknadeln oder im Hängesessel träumend, Musik hörend, die von glücklicher Zweisamkeit erzählt. Stundenlang habe ich geheult, ohne einen Grund nennen zu können und weil mir das „Was ist denn nun schon wieder?“ hingebrummt von meinem Mann langsam auf den Nerv ging, lernte ich eben, lautlos zu weinen. Dass meine Augen davon nicht dünner wurden war mir klar, aber es gab ja auch noch Coolpacks.

Ständig war ich in Unruhe, schien aber nie müde zu sein. * Ich bin behindert * dachte ich mehr als einmal, * ich habe nur ein Paar Hände, wo ich 20 Paar nötig hätte * Meine Kreativität kannte keine Grenzen. Ständig hielt ich einen Chatfreund in Atem, der mir half, meine Ideen umzusetzen und der mich mit Programmen vertraut machte, die mir vorher fremd gewesen waren. Ihm vertraute ich immer mehr, wo ich glaubte, meiner eigenen Familie nicht mehr trauen zu können.

Meine Hände zitterten immer mehr und oft kam es vor, dass mir beim Essen das Besteck herunterfiel oder ich ein Getränk auf dem Weg zum Mund verschüttete. Mittlerweile konnte ich nur noch bestimmte Socken tragen ohne Bündchen, weil sonst meine Füsse noch dicker wurden wegen des Staus, der sich bildete. Ohne Strümpfe war es mir jedoch zu kalt, obwohl ich immer noch diese Hitzewallungen hatte.

Der Internist riet mir zur Operation der Schilddrüse, was mich natürlich nicht begeisterte. Mein Körper baut Narkosemittel sehr schlecht ab und bei einer früheren Operation hatte man Probleme gehabt, mich * zurückzuholen *. „Nein“ sagte ich, „gibt es denn keine Alternative?“ Doch, Radiojodtherapie! Dazu 10 bis 14 Tage in den * Bunker *, also eine geschützte Abteilung des Krankenhauses, da man ja radioaktiv strahlt nach der Einnahme der Kapsel. Das hörte sich ja auch nicht so prickelnd an. Na mal drüber nachdenken. Inzwischen war Dezember geworden und die Weihnachtstage wollte ich ja auch nicht im Krankenhaus verbringen, also mein guter Vorsatz für das neue Jahr: die Definitive Lösung.

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