|
Tina H. Dies wird ein Bericht, der mir wirklich sehr am Herzen liegt. Er handelt von einer Krankheit unter der die Betroffenen meist arg leiden. Vor allem weil sie nur all zu oft und all zu gerne als „psychisch krank“ abgestempelt werden, wenn die Ärzte nicht mehr weiterwissen. Seit 1999 bin ich selbst von dieser Krankheit betroffen. Morbus Basedow...was ist das??? Morbus Basedow ist eine Autoimmunerkrankung. Die Bedeutung des Wortes „Autoimmun“ ist so zu verstehen, dass der Körper sich durch eine falsche Reaktion des Immunsystems selbst bekämpft. Bemerkbar macht sich der M. Basedow durch eine Überfunktion der Schilddrüse. Erstmalig erkannt ist diese Krankheit bereits seit 1840. Carl Adolph von Basedow aus Merseburg war der Entdecker der typischen Basedow Merkmale. Dazu gehören die so genannten „Glotzaugen“(aus den Augenhöhlen hervortretende Augen), eine vergrösserte Schilddrüse und ein beschleunigter Herzschlag. Man bezeichnet diese drei Merkmale auch als „Merseburger Trias“. Basedow betrifft also nicht nur die Schilddrüse, sondern auch noch viele weitere Organe des Körpers werden in Ihrer Funktion gestört. Es handelt sich nicht nur um eine einfache Schilddrüsenüberfunktion. Symptome und wie es mir erging: Das Problem beim Basedow ist, dass sich die Symptome schleichend entwickeln. Der Erkrankte meint oftmals, er sei einfach überarbeitet und deswegen so nervös. Mit ein wenig Ruhe liesse sich das alles wieder einrenken. Ein Trugschluss! Eine weiteres Symptom sind die Heisshungerattacken. Oftmals rannte ich damals zig mal hintereinander in die Küche um sie dann mit einer Tafel Schokolade oder mit einer Packung Dickmanns oder aber einer riesengrossen Schale Pudding wieder zu verlassen. Ich ass nicht nur eine Rippe Schokolade, sondern gleich die ganze Packung. Ich verschlang nicht nur einen Mohrenkopf, sondern gleich alle Neun! Auch eine Packung „Nimm 2“ innerhalb von zwei bis drei Stunden war kein Problem. Ich hatte damals einen wahnsinnig erhöhten Energiebedarf. Gedanken machte ich mir jedoch zu diesem Zeitpunkt keine. Schliesslich musste ich nicht auf meine Figur achten. Ich wog gerade mal 48 kg bei einer Körpergrösse von 1,69m. Eine warme Mahlzeit gab es bei mir zweimal am Tag. Ich hatte Haarausfall ohne Ende. Da ich aber überschulterlange Haare hatte, redete ich mir ein es sei normal einige Haare zu verlieren. Ich hatte ja immer noch genug auf dem Kopf. Ich hatte oftmals Herzrasen und Herzstolpern. Mein Puls war immer sehr hoch und mein Chef (Apotheker) machte sich beim Blutdruck messen immer darüber lustig und meinte, warum ich den so aufgeregt sei. Das ganze war mir selbst ein Rätsel. Denn ich fand meinen Chef alles andere als attraktiv. Doch selbst, wenn ich mir selbst den Blutdruck mass, blieb der Puls viel zu hoch und das Herz stolperte weiterhin. Auch dabei dachte ich mir nichts. Auf den Rat meines Chefs nahm ich dann Herz- Kreislauftropfen, die das Ganze aber auch nicht wirklich verbesserten. Meine Hände zitterten am laufenden Band. Meine Mitmenschen machten sich darüber oftmals lustig. Beim Trinken einer Tasse Tee verschlabberte ich die Hälfte auf dem Weg zum Mund. Doch ich dachte nur: Ich bin halt wegen irgend etwas aufgeregt. Im Nachhinein ist mir erst bewusst, dass dieses Zittern ständig da war. Ich stand oftmals vor Kunden und gab zitternd das Wechselgeld zurück. Ich wurde innerlich immer unruhiger. Nachts konnte ich kaum noch durchschlafen. Ich lag lange wach und hörte meinem Herumrasen zu. Ich hatte regelrecht das Gefühl mich auf einer Pferderennbahn zu befinden bei diesen Geräuschen. Ich wurde immer aggressiver und nervöser. Ich war reizbar ohne Ende und meckerte manchmal ohne Grund meine Mitmenschen an. In der Apotheke wurde ich ungeduldig mit meinen Kunden. Aus jeder Mücke machte ich einen riesigen Elefanten. Meine Partnerschaft wurde durch meine Reizbarkeit auf eine harte Probe gestellte. Ich fuhr meinen Mann ohne jegliche Gründe an und schaffte es noch nicht einmal mich dafür zu entschuldigen, obwohl mir mein Verhalten fürchterlich leid tat. Aber ich glaubte er müsse mich verstehen. Ich fühlte mich schrecklich überfordert und überarbeitet. Ich hatte durch den beschleunigten Stoffwechsel eine Hitze in mir, die manchmal unerträglich war. Ich schwitze im dicksten Winter und hätte mir alle Klamotten vom Leib reissen können. Mein Mann sass nur noch ungern dicht neben mir, weil ich nur noch ein glühendes, schwitzendes „Etwas“ war. Auf meiner Arbeitsstelle in der Apotheke konnte ich mich oftmals kaum noch zu den Schubladen runterbücken ohne das meine Beine zitterten. Das Aufstehen aus der Hocke war ohne Zuhilfenahme der Arme unmöglich. Diese Muskelschwäche sorgte mehr und mehr dafür, dass ich keine Kraft mehr hatte. Beim Hochheben von Getränkekisten zitterten meine Arme. Für all diese Symptome fand ich mehr oder weniger Erklärungen. Oder ich fragte mich nicht weiter nach der Ursache. Im Herbst 99 kamen dann aber andere Symptome hinzu: Bei kleineren Anstrengungen wie Treppensteigen blieb mir schnell die Luft weg. Ich musste zwischendurch stehen bleiben, wenn es weit bergauf ging. Das Herz schlug mir bis zum Hals und ich meinte es würde mir im nächsten Moment im Kopf zerspringen. Ich bekam Panikattacken, bei denen ich dachte ich müsste sterben. Oftmals sass ich im Zug auf dem Weg zur Arbeit und spürte eine solche Panikattacke in mir aufsteigen. Zuerst kam die Hitze. Ich riss mir nacheinander Jacke und Pullover vom Leib. Ich gierte nach frischer Luft und riss unter Protest der Mitreisenden das Fenster weit auf. Ich hatte das Gefühl keine Luft mehr zu kriegen. Ich konnte zwar einatmen, aber hatte das Gefühl Luft ohne Sauerstoff einzuatmen. Das Herz schlug immer schneller und drohte zu zerspringen meinem Gefühl nach. Ich zitterte am ganzen Leib und begann vor den Augen fremder Menschen zu weinen. Aus Angst. Ich hatte Todesangst. Ich glaubte in solchen Momenten sterben zu müssen. Jedoch fragte mich keiner ob es mir nicht gut ginge..die Menschen im Zug schauten alle dezent weg. Ich erklärte mir diese Panikanfälle damit, dass sie wohl psychisch bedingt seien. Wahrscheinlich litt ich unter Platzangst sagte ich mir. Irgendwann jedoch ereilten mich diese Panikattacken jedoch auch zu Hause. Abends auf der Couch beim Fernsehen. Mein Mann schimpfte und beschwor mich, mich nicht so in die Sache reinzusteigern. Als mich jedoch die Anfälle auch aus dem Schlaf rissen, wusste auch er, dass ich mich nicht reinsteigerte und nichts dafür konnte. Hinzu gesellten sich dann noch Duchfallattacken. Aus heiterem Himmel musste ich von einer auf die andere Sekunde zur Toilette und hatte das Gefühl, dass mir sonst der Darm zerplatzt. Diese Anfälle hatte ich schon bald nahezu täglich. Ich erklärte mir dass damit, dass ich wohl zuviel vom schwarzen Tee trinke (ca. 4-5 grosse Tassen pro Tag). Als ich den weg liess und sich immer noch nichts tat, schloss ich daraus, dass ich durch meinen hohen Lakritzkonsum (500g pro Tag) wohl an einer Allergie litt. Als ich auch das wegliess und sich nichts besserte ging ich das erste Mal ernsthaft zum Arzt. Nach Untersuchung meiner Blutwerte und einer Stuhlprobe erklärte er mir, es sei alles in Ordnung. Ich glaubte verrückt zu sein.... Zahlreiche Arztbesuche und Götter in weiss mit Null Ahnung! Oftmals kämpfen sich Basedow Kranke bevor sie die Diagnose in Händen halten von Arzt zu Arzt, um jedes Mal zu hören, sie sind gesund . . oder, sie sind psychisch labil. Diese Diagnose wird nur all zu oft gestellt. Denn bei manchen Ärzten ist alles gleich die Psyche schuld, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Allzu oft werden dann Psychopharmaka verordnet, um den Betroffenen endlich ruhig zu stellen. Bei mir war das Gott sei dank nicht so der Fall. Die Ärzte haben mich für die Einnahme eines solchen Mittels für zu jung gehalten. Ich war ja erst 22. Sie empfahlen mir die Einnahme von Baldrian. Psychopharmaka wirken logischerweise natürlich nicht, wenn man unter Basedow leidet. Denn die Schilddrüsenüberfunktion verschwindet ja nicht durch die Medikamente. Meine Arztrennerei zog sich fast ein Jahr hin, bevor ich endlich die Diagnose in Händen hielt. Jeder der Ärzte sagte immer ich sei gesund. Angeblich hatten sie mir auch die Schilddrüsenwerte bestimmt. Jedoch waren auch die (komischerweise) immer in der Norm. Selbst eine Kardiologin empfahl mir lediglich die Einnahme eines Betablockers oder ein Operation am Herzen, wegen des hohen Ruhepulses. Das war mir allerdings doch etwas suspekt. Bei einem Krankenhausaufenthalt wurde ich dann wegen des hohen Pulses nochmals untersucht. Dieses Mal stimmten die Schilddrüsenwerte nicht. Sie waren viel zu hoch. Jetzt hatte ich erst die Diagnose „Schilddrüsenüberfunktion“ und wurde mit einem schilddrüsenhormonhemmenden Mittel (Carbimazol) behandelt. Die Symptome verbesserten sich bereits nach wenigen Wochen Einnahme. Nachdem ein Szintigramm meiner Schilddrüse angefertigt worden war, stand die endgültige Diagnose „Morbus Basedow“ fest. Das Verständnis der Mitmenschen: Dieses Thema ist ein Punkt der mich auch im Nachhinein immer noch wahnsinnig traurig stimmt. In meiner akuten Krankheitsphase, die sich letztendlich über fast 3 Jahre erstreckte, bekam ich nur all zu oft von Mitmenschen zu hören, dass ich mich nicht so in die Krankheit reinsteigern soll. Es macht mich so traurig, weil auch meine Familie glaubte ich bildete mir zum Teil was ein, was in Wirklichkeit gar nicht so schlimm war. Ich hatte so das Bedürfnis über mich und meinen kranken Körper und die Symptome zu reden, dass ich meine Mitmenschen und meine Familie regelrecht zu nerven schien. Begann ich von meiner Krankheit zu reden, wurde nur all zu gerne überhört was ich sagte und vom Wetter berichtet. Ich kam mir allein und verlassen vor. Einzig und alleine mein Mann bemühte sich noch mir zuzuhören. Ich verlor alle meine Freunde. Der Kontakt zu meiner Mutter brach einmal sogar drei Monate ganz ab, da ich überreizt reagierte und sie wohl damit verletzt hatte. Sie beharrte auf ihr Recht und gab sich erst nach drei Monaten wieder, nachdem ich mich entschuldigte. Dies zeigte mir, dass sich keiner wirklich mit meiner Krankheit auseinandergesetzt hatte. Keinen interessierte wirklich, worum es sich dabei handelte und warum ich mich so verhielt. Noch heute macht mich das unendlich traurig. Letztendlich war es nur mein Mann der sich das Buch „ Leben mit Morbus Basedow“ zur Hand nahm und durchlas. Er versuchte mich wenigstens zu verstehen. Die Behandlung: Die Behandlung des Basedow ist wie bereits oben beschrieben durch Tabletten, die sogenannten Thyreostatika möglich. Die Symptome verringern sich oder verschwinden bei einigen Patienten sogar ganz. Nach einem Jahr Einnahme der Mittel wird ein Auslassversuch gestartet. Der Patient nimmt keine Tabletten mehr ein. Bleiben die Basedowsymptome weg, spricht man von einer Spontanheilung. Allerdings besteht das Risiko eines Rückfalls. Nach mehreren Rückfällen oder erfolgloser medikamentöser Therapie sollte man sich für eine definitive Therapie entscheiden. Definitiv bedeutet entweder eine Radiojodtherapie oder eine Operation. In beiden Fällen soll das Schilddrüsengewebe so viel wie möglich reduziert bzw. rausgenommen werden. Die weitere Behandlung erfolgt nach diesen Therapien mit Schilddrüsenhormonen, da die Schilddrüse nun nicht mehr in der Lage ist ausreichend Hormone zu produzieren. Meine Entscheidung: Nach einem Jahr erfolgloser Tabletteneinnahme entschied ich mich , da auch unter der Einnahme von den Tabletten die Panikanfälle und das Herzrasen nicht verschwanden ohne Auslassversuch für die Operation. Die Operation verlief gut und ohne Komplikationen und bereits am ersten Tag nach der OP war ich wieder topfit. Lediglich einige Schluckbeschwerden waren noch vorhanden. Das Leben danach! Nach der Operation im August 2001 musste ich mich durch die schwierige Phase der Hormoneinstellung durchkämpfen. Auch hier bekam ich wieder das Unwissen und die Unlust mancher Ärzte zu spüren. Meine Blutwerte waren in der Norm und somit in Ordnung behaupteten drei verschiedene Ärzte. Es ging mir jedoch schlecht. Ich hatte Verstopfung, Depressionen und war müde ohne Ende. Vierzehn Stunden vom Tag verbrachte ich schlafend. Den Rest des Tages war ich oftmals traurig und am heulen. Die Muskeln schmerzten mich und ich fühlte mich krank. Auf mein Drängeln hin wechselte der Arzt meine Hormone erst nach einem halben Jahr. Von da an ging es bergauf. Die Operation liegt jetzt eineinhalb Jahre zurück. Inzwischen geht es mir wieder sehr gut, obwohl ich mein ursprüngliches Befinden, wie vor Ausbruch der Krankheit, nicht wieder erlangt habe. Ich leide immer noch an Vergesslichkeit und Konzentrationsstörungen. Ein bis zweimal im Monat plagen mich auch noch Muskelschmerzen und Schwindel. Jedoch fühle ich, dass es immer weiter bergauf geht. Ich taste mich ganz langsam an meine Hormondosis heran. Es wird der Tag kommen, an dem ich wieder die ganz die Alte bin. Mein persönliches Fazit: Diese Krankheit ist natürlich nicht zu empfehlen. Ist man einmal daran erkrankt sollte man auf alle Fälle Jod meiden. Denn Jod kurbelt die Schilddrüse noch zusätzlich an. Es macht mich traurig, dass ich durch so eine Krankheit erkennen musste, dass man oft im Ernstfall fast alleine da steht. Hätte ich meinen Mann nicht gehabt, hätte ich mir wahrscheinlich einen Strick genommen. Doch er sprach mir immer wieder Mut zu und beschwor mich daran zu denken, dass es auch wieder aufwärts geht. Von allen anderen Mitmenschen wurde ich bitterböse enttäuscht. Auf die Frage „Wie geht es Dir?“ reagiere ich inzwischen etwas allergisch, da keiner wirklich hören will, wenn es schlecht geht. In meiner Familie werde ich dazu gedrängt wieder eine Ganztagsstelle anzunehmen. Keiner kann verstehen oder will verstehen, dass ich mich dafür einfach noch nicht fit genug fühle. Einzig und alleine mein Mann unterstützt mich.Aber es ist schön zu wissen, dass es so einen lieben Menschen gibt und noch schöner ist zu wissen, dass ich mit ihm verheiratet bin Tina P.S.: Ich war Gott sei dank von den Augensymptomen der Krankheit verschont geblieben. Dieses Glück haben nur ca. zwanzig Prozent der Betroffenen. Ich schätze mich glücklich dazu zu gehören. Lediglich eine hohe Lichtempfindlichkeit hatte ich. Selbst bei trübem Wetter und im Winter setzte ich mir die Sonnenbrille auf, da mich sonst das grelle Licht störte. Aber entzündet waren meine Augen nie und hervorgetreten sind sie Gott sei Dank auch nicht.
© Tina H.
|